Die Schuld des Schweigers

“Bei den über 80-Jährigen ist heute jeder fünfte von Demenz betroffen, bei den über 90-Jährigen jeder dritte.” (Gesundheitsmagazin ‘topfit’)

Das wird doch wohl noch gesagt werden dürfen: Israel - gesehen durch die verschmierte Brille von Günter Grass

Das wird doch wohl noch gesagt werden dürfen: Israel - gesehen durch die verschmierte Brille von Günter Grass

Er hat noch Tinte auf dem Füller, sagt er, wenn es auch schon die “letzte” sei: Günter Grass, das alte Moralisten-Walross.

Und mit der Tinte will er nun “sein Schweigen” brechen. Aber nicht etwa darüber, wie es war bei der Waffen-SS, in der Panzer-Division „Frundsberg“, wo er sechs Monate diente. Oder darüber, wie man es schafft, sich selbst noch im Spiegel anzuschauen, wenn man jahrzehntelang Andere wegen ihrer Nazivergangenheit gerügt hat und dabei die eigene geheim hielt.

Nein, Günter Grass sorgt sich in seiner Gedichtattrappe “Was gesagt werden muss” um den Weltfrieden, und den gefährde seiner Ansicht nach vor allem einer: der Jude… äh… Israel. Das dürfe man doch wohl noch sagen.

Natürlich darf er das. Denn entgegen anderslautenden Behauptungen rechter wie linker Verschwörungstheoretiker gibt es kein Verbot, die israelische Politik zu kritisieren, nicht einmal ein Tabu. Es wird ständig getan, in Deutschland, in Europa, den USA und natürlich auch in Israel selbst.

Aber wenn sich ein Literat selbst zum Nahostexperten erklärt und um Kopf und Kragen faselt, dann bleibt das nicht unbeantwortet.

Peter Handke durfte schließlich auch Loblieder auf den seiner Ansicht nach “unschuldigen” Milosevic singen, muss jedoch jetzt damit leben, nicht mehr besonders Ernst genommen zu werden.

Grass’ Unterstellung, Israel plane einen atomaren Erstschlag und wolle die iranische Bevölkerung vernichten, entlarvt sich selbst als 180-Grad-Verdrehung der Tatsachen. Dabei hält er sich gar nicht mit Haarspaltereien auf, wie sie etwa bei Altlinken und Friedensbewegten üblich sind, die in meterlangen Abhandlungen darüber spekulieren, ob Ajmadinejads Aussage, er wolle Israel von der Landkarte tilgen, nicht doch ein Übersetzungsfehler sein könnte. Vielleicht hat er ja in Wirklichkeit nur Glückwünsche ausrichten wollen?

Grass macht es sich leichter: er vertauscht einfach Ross und Reiter.

Seit Ayatollah Khomeini 1979 zum ersten Mal den “Al-Quds-Tag” feiern ließ, ist die Forderung nach der Auslöschung des Judenstaates in Teheran zahlreich wiederholt worden. Der Hass auf Israel erfüllt hierbei dieselbe propagandistische Funktion, wie früher der Hass auf das “Weltjudentum”: er soll eine zerstrittene Fraktion beisammen halten, die die Widersprüche ihrer Ideologie nicht hinreichend erklären kann.

Aber für Grass ist Ajmadinejad lediglich ein “Maulheld”, um den man sich schon keine Sorgen machen müsse. Leider hat er damit absolut Unrecht.

Ein "Maulheld", dieser Mahmud, nichts weiter...

Zur Seite springen dem Autor der Blechtrommel dieser Tage nur wenige. Johano Strasser jedoch, der Präsident der Schriftstellervereinigung “PEN-Zentrum”, ließ es sich nicht nehmen, ein paar Takte mitzutrommeln. Auch er warnte vor Waffenexporten nach Israel. Und der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, “kann die ganze Aufregung nicht verstehen”, für ihn sind die Vorwürfe lediglich “reflexhafte Verurteilungen als Antisemit”.

Und schon wieder sehen wir die Sache von den Füßen auf den Kopf gedreht: Grass’ Pamphlet ist eine reflexhafte Verurteilung! Denn er schreibt nicht über den Konflikt von Pakistan und Indien, obwohl er sich angeblich doch so um den “Weltfrieden” sorgt. Er hat sich auch bisher nicht zu europäischen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien geäußert.

Nein, wie beinahe alle Stammtisch-Demagogen, die finden, man müsse “das doch noch sagen dürfen”, ist er vollkommen auf Israel fixiert. Und ebenso wie die Antisemiten am linken und rechten Rand der Gesellschaft, sucht er Hände ringend nach Möglichkeiten, dem Land einen Willen zur “Vernichtung” nachzuweisen. Im Gegensatz zum Nahostkonflikt, dürfte Vernichtungswille zumindest ein Thema sein, mit dem sich der ehemalige SS-Angehörige auskennt.

“Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen”, sagte der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex einmal, und brachte es damit auf den Punkt. Die eigenen Gewissensbisse wird man eben am einfachsten los, wenn man sie woanders hin projiziert, am besten gleich auf das Opfer. So wie früher die Juden Schuld am Judenhass waren, so ist Israel heute Schuld an seiner Bedrohung.

Dem kleinen Land am Mittelmeer, gerade mal so groß wie Hessen, werden heute dieselben Eigenschaften zugeschrieben, wie einst den “Weisen von Zion” und ihrer “jüdischen Weltverschwörung”, von der seit der Staatsgründung kaum noch direkt die Rede ist: seine Lobby kontrolliere die USA, manipuliere die Medien, stifte überall Krieg und Elend – und unterdrücke Leute, die “das doch mal sagen” wollen mit seiner geradezu mystischen Macht.

Stereotypisierung, Dämonisierung, Denunzierung – die Argumentationsmuster bleiben, nur ihr Objekt wird oberflächlich durch ein neues ersetzt, das das alte meint.

Gerade in Deutschland gelangen antisemitische Ressentiments  auf dem Umweg über die Kritik am Judenstaat zunehmend wieder in die Mehrheitsgesellschaft. Laut einer Ende Januar veröffentlichten Studie, die sich auf eine Vielzahl von Untersuchungen stützt, sind heute 20 Prozent der Bevölkerung “latent” antisemitisch eingestellt.

Und sie werden angefeuert vom altersdementen Pseudo-Provokateur Grass, dem es bei allem Gerede von Weltfrieden immernoch nur um eine einzige Person geht: sich selbst. Schon, als er noch hauptberuflich als das sozialdemokratische Gewissen der Nachkriegs-BRD unterwegs war, sprach aus seinen Äußerungen vor allem Größenwahn, Anmaßung und Selbstgefälligkeit.

Man kann fast von Glück reden, dass er sich nun in seinen späten Lebensjahren nochmal selbst gehörig an den Grabstein pisst, so verschwindet sein seit Jahrzehnten erhobener Zeigefinger zumindest ein wenig aus der Öffentlichkeit.

Es  ist wohl auch nicht davon auszugehen, dass Grass’ Tinte wirklich schon alle ist, und wohl nur eine Frage der Zeit, bis er zielsicher den nächsten Fettnapf trifft. Das wird er ja wohl noch dürfen.

Die Blechtrommel II: Es endet wie es begann...

Braun-weiß ist die Kokosnuss

Im Nachhinein könnte man beinahe ein PR-Komplott vermuten, doch Literaturkritiker Georg Diez meinte es durchaus Ernst, als er Christian Kracht mit dem französischen Antisemiten Céline gleichsetzte, und behauptete sein neuer Roman Imperium sei „durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht“. So löste er eine Debatte um die Freiheit der Kunst aus, die er nicht gewinnen konnte, und die vor allem Krachts Verkaufszahlen nicht unerheblich erhöht haben dürfte.

Das Totalitäre der Kokosnuss: Christian Krachts Roman 'Imperium' provoziert... das DenkenIm virtuosen Stil des klassischen Abenteuerromans erzählt uns Kracht die Geschichte des vegetarischen Asketen August Engelhardt, der Anfang des 19ten Jahrhunderts auf eine kleine Insel im Pazifik zog, und dort eine pseudo-religiöse Sekte aufzubauen, und die Kokosnuss als heilige Frucht zu verehren.

Der Antiheld Engelhardt erscheint als schmalbrüstiger, esoterischer Sonderling, der seine Menschenangst und Verklemmtheit nur dann ablegen kann, wenn er voller Inbrunst über die Reinheit und Göttlichkeit der von ihm verehrten Frucht schwadroniert. Bewusst setzt Kracht dieses neurotische Nervenbündel, ständig zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn pendelnd, in die geistige Nähe Hitlers.

Es scheint als fehle – und das hat den bierernsten Kritiker Diez sozusagen auf die Kokospalme gebracht – jegliche Distanz des auktorialen Erzählers zu seiner Hauptfigur. Das rassistische und chauvinistische Weltbild eines Deutschlands, das geradewegs auf den Ersten Weltkrieg zusteuert, und das der Protagonist verinnerlicht hat, wird ohne Differenzierung und Einordnung wiedergegeben.

Die dunkelhäutigen Bewohner des Bismarck-Archipels erscheinen durchweg als primitive Diener und Arbeiter, ebenso wie sie ein Europäer dieser Epoche – bei allem Aussteigertum und trotz Weltverbesserungsambitionen – schlicht und ergreifend gesehen haben dürfte.

Kracht ist doch tatsächlich so dreist, vom Leser eigenständiges Denken zu verlangen.

Immer ein Korn pazifischen Meersalzes im Mundwinkel lässt der Autor den Gernegroß Engelhardt auf allerlei illustre Zeitgenossen treffen, die ihn meist mehr oder weniger über den Tisch ziehen, und skurrile Auswüchse des deutschen Kolonialismus beobachten, etwa wenn in einer Sonnenanbeter-Kolonie auf den Fidschi-Inseln mit teutonischer Gründlichkeit der Strand gefegt wird.

Christian Kracht legt zu seinem Roman keinen Beipackzettel, indem erklärt wird, wie man das Buch zu lesen habe. Auch ich spüre ein “Unbehagen” (Dietz) bei der Lektüre, allerdings nicht, weil ich der Ansicht bin, dass hier Kokos-Totalitarismus propagiert wird. Sondern weil der Autor brillant demonstriert, wie sich kleinbürgerliche Borniertheit und antimoderner Fanatismus zu etwas Grässlichem ergänzen, das das Niederste im Menschen hervor bringt.

Und genau darin liegt die Großartigkeit von Imperium.

Würde Kracht nicht zur Debatte schweigen, dann könnte er Laibach zitieren, die sagten: “Wir sind genauso Faschisten, wie Hitler ein Maler war.“ Aber er sagt lieber nichts, und lässt die anderen streiten. Das ist ja auch elegant. Fast möchte man sich vorstellen, dass er sich wie Engelhardt in seine Hütte zurückgezogen hat, um dort selbstvergessen an seinem Daumen zu lutschen, bis alles vorbei ist.

Beim Bau der Europäischen Mauer

In Franz Kafkas Parabel Vor dem Gesetz versucht ein “Mann vom Lande”, Zugang zum “Gesetz” zu erhalten, und wird von einem Türhüter gestoppt. Der vertröstet ihn, und lässt ihn warten.

Kafka als Kritiker der Europäischen Union

Viele Jahre später stirbt der Mann, ohne irgendetwas über die Natur des Gesetzes erfahren zu haben, das zwar für ihn gilt, aber vor ihm geheim gehalten wird. Müssen wir hier nicht zwangsläufig an den vor der Öffentlichkeit verschleierten Beschluss des ACTA-Abkommens denken?

Am 14.02.2012 veröffentlichte die EU-Kommission Einzelheiten zu den Verhandlungen über ACTAnachdem es bereits beschlossen war, und vor allem nachdem Zehntausende dagegen demonstriert hatten. Wer ist das eigentlich – diese EU-Kommission?

Hans Magnus Enzensberger erklärt es uns:

Die Europäische Kommission, die aus 27 Kommissaren besteht – einem aus jedem Mitgliedsland -, verfügt natürlich ebenfalls über einen Präsidenten, der unter seinen vielen anderen Pflichten auch die sieben Vizepräsidenten zu ernennen hat, von denen einer zugleich Vorsitzender des GAC ist. Um den Präsidenten der Kommission kümmert sich ein eigenes Generalsekretariat. Unterstellt sind ihm zahlreiche Generaldirektionen, von denen hier nur eine kleine Auswahl geboten werden kann, zum Beispiel die EAC, die RTD, die TAXUD, die MOVE, die ECFIN, die ECHO, die BEPA, die SANCO, die DGT, die Ener, die Elang, die Budg, die Just, die Home, die Infso, die Agri und die SCIC. Es versteht sich, dass jede Generaldirektion in Direktionen und Referate untergliedert ist; denn sonst wäre der Generaldirektor ja ein bloßer Direktor.

Wie bitte?

“Ich bin mächtig”, lässt Kafka seinen Türhüter zum Mann vom Lande sagen. “Und bin ich nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal mehr ich ertragen.”

Als die Bevölkerung Irlands im Juni 2008 gegen den Lissabon-Vertrag stimmte, rümpften die europäischen Eliten die Nasen. Die irische Regierung wurde wie ein unfähiger Grundschullehrer gemaßregelt, der es versäumt hat, seine Klasse richtig zu erziehen.

Die Botschaft wurde unmissverständlich klar gemacht: nur ein “Ja” sei akzeptabel. Es ging nicht um eine freie Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten, sondern um die zwischen “richtig” und “falsch”. Die sturen Iren hätten es einfach nicht kapiert.

Dabei gab sogar der irische Vertreter in Brüssel selbst zu, dass er den ganzen Text des Abkommens noch gar nicht zu Gesicht bekommen hatte. Die Wähler waren also zu einer Abstimmung gerufen worden, ohne wirklich zu wissen worüber überhaupt.

In anderen Ländern trat dieses Problem nur deshalb nicht zu Tage, weil es erst gar keine Volksbefragungen gab.

In der aktuellen Debatte um das ACTA-Abkommen bedienen sich seine Befürworter derselben Argumentation: die Gegner hätten es einfach nicht verstanden, und im Übrigen sei ihr “Nein” dazu ohnehin nicht von Bedeutung.

Die Europäische Union entwickelt sich zunehmend zu einem bürokratischen Monstrum, wie jenes, das Kafka in Beim Bau der Chinesischen Mauer beschreibt. Eine von der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung entkoppelte Elite regiert durch Gesetze, die den Menschen nicht einmal mehr bekannt sind. Dabei ruft sie zum Bekenntnis zu einem gemeinsamen Projekt auf, an dessen Sinn sie selbst nicht zu glauben scheint.

Der immer wieder aufkeimende Unmut in der Bevölkerung jedoch richtet sich nicht unbedingt gegen die Vision eines gemeinsamen Europas, sondern gegen das Fehlen einer wirklichen Vision. Ein unendlich verschwenderischer Apparat kann dieses Manko nicht wettmachen.

Was geschieht nun, wenn der “Mann vom Lande” nicht mehr vor der Tür wartet – die, wie er kurz vor seinem Tod erfährt, nur für ihn gemacht wurde – sondern beschließt, dass ein Gesetz, das er nicht kennen soll, auch nicht für ihn gelten kann? Dass, wenn da ein Europa ist, es gefälligst raus kommen soll, um mit ihm zu reden?

Die Moralapostel und ihre tanzenden Wilden

„Der Genuß, das ist das, was zu nichts dient.“ (Francois Lacan)

Jedes Wochenende fallen sie in die Stadt ein. Wir urbanen Alles-schon-gesehen-haber rümpfen die Nasen, wenn die Feierwütigen und Enthemmten johlend und stockbesoffen durch die Straßen und Clubs ziehen. Obwohl der allgemeine Drogenkonsum abnimmt, erlebt ausgerechnet das “Komasaufen” einen Boom.

Vom Aussterben bedroht: der mondäne Genuss

Schmierige Privatsender-Formate versorgen uns unterdessen Tag für Tag mit den “versauten” Details aus scheinbar allen Hartz-IV-Schlafzimmern der Republik. Amateurpornos füllen gigantische Serveranlagen rund um die Welt, und vor allem Angehörige “bildungsferner Schichten” entwickeln durch das Internet eine Expertise in Sachen Pornografie und Extremsex.

Mit wohligem Schauer berauscht sich die Mehrheit an ihren “Geständnissen”, die so bizarr und fern erscheinen.

Kulturpessimisten mögen (mal wieder) den Untergang des Abendlandes nahen sehen, weil Sünde und Tabubruch in immer extremerer Form ausgelebt werden. Obwohl sie im Großen und Ganzen privat stattfinden, werden die Exzesse zudem öffentlich präsentiert.

Doch ist dieses Schaulaufen tatsächlich ein Ausdruck von Freiheit – gelebter Hedonismus? Sozusagen die schmutzige Variante des alten Hippie-Traums von Selbstverwirklichung und befreiter Lust?

Robert Pfaller sieht das ganz anders und bringt es in seinem Buch Wofür es sich zu leben lohnt auf eine brillante Formel: Sie benehmen sich betont schamlos, eben weil sie sich schämen.

In düsteren Kolonialzeiten wurden die unterjochten Ureinwohner von ihren vermeintlich zivilisierten Herren gezwungen, Tänze zu deren Belustigung aufzuführen. Diese entwürdigenden Spektakel hatten nur sehr oberflächlich mit traditionellen Riten zu tun. Sie wurden choreographiert, um das Wilde, das Ungezügelte und Abscheuliche darzustellen, das die Weißen in den “Primitiven” sahen und sehen wollten.

Indem die “Wilden” ihre Performances übertrieben und verzerrten, dabei das Obszöne in den Vordergrund stellten, etwa indem sie Körperflüssigkeiten und Fäkalien benutzten, spielten sie den angewiderten Zuschauern genau das vor, was die von ihnen erwarteten.

Für Pfaller sind die Exzess-Party-Kids und Pornoamateure, ebenso wie die RTL2-Seelenstripper die tanzenden Wilden von heute. Und die Öffentlichkeit nimmt die Rolle des empörten, aber gleichzeitig faszinierten Zuschauers ein. Wie einst die Kolonialherren versichern wir uns unserer Zivilisiertheit, unserer Überlegenheit, indem wir ihnen beim Brechen unserer Tabus zuschauen. Sympathie haben die Objekte unseres Interesses dabei nicht zu erwarten.

Und die tanzenden Wilden selbst? Ihre Handlungen schreien: “Schau her, wie viel Spaß wir haben!” Ihre grinsenden Gesichter haben etwas Entrücktes dabei.

Gleichzeitig – und das wirkt nur auf den ersten Blick paradox – können wir beobachten, wie sich im Mainstream unserer Gesellschaft ein wahrer Abstinenzkult breit macht. Während sich eine Minderheit ins Koma säuft (und das auch nur am Wochenende), lebt die Mehrheit heute geradezu asketisch. Waren Nichtraucher, Straight-Edger und Vegetarier vor zwanzig Jahren noch schützenswerte Minderheiten, kann man das wohl heute nicht mehr behaupten.

Ein geradezu paranoider Körper- und Gesundheitskult, verbunden mit einem ständigen schlechten Gewissen, veranlasst heute die breite Masse zu Lebensweisen, die im Mittelalter noch frommen Mönchen vorbehalten waren.

Hinzu kommt eine sich immer tiefer eingrabende neoliberale Verwertungslogik, die bei allen Handlungen nach ihrem ökonomischen Nutzen fragt. Was keinen messbaren Ertrag bringt, muss sinnlos sein.

Robert Pfaller zeigt auf, dass die moderne Verzichtsethik keine Ausnahmen kennt und keine Rückzugsmöglichkeiten lässt. Überzeugt von der eigenen moralischen Unfehlbarkeit, durchdringt sie unser Privatleben mit einer Fülle von Regeln und Vorgaben, die in ihrer Gesamtheit überhaupt nicht zu erfüllen sind. Diese Moral ist selbst ein Exzess – ein Exzess der Regulierung.

Dass auch die Überwachung des öffentlichen Raums sowie Internets  zunimmt, und weitgehend kritiklos hingenommen wird, verwundert da nicht. Sicherheit geht eben vor Lebensqualität.

Gleichzeitig führt uns die zur Schau gestellte “Versautheit” einer Minderheit vor, wie schädlich und gefährlich jene Genüsse sind, die den sich ausbreitenden puritanischen Wertvorstellungen zuwider laufen. Was nur unterstreicht, wie sinnvoll die Regeln sein müssen. Einer von denen möchtest du doch nicht etwa sein, oder?

Reiß dich besser zusammen, sonst endest du auch im Dschungelcamp. Im Anschauen der Zerrbilder können wir dennoch ein bisschen von unserer eigenen  Sehnsucht nach dem Tabubruch befriedigen – ohne die Sicherheit unserer Fernsehsessel oder Computertische verlassen zu müssen.

Doch rechtfertigt ein Gewinn an Gesundheit und Sicherheit den Verlust des sinnlichen Glücks in jedem Fall? Definitiv nicht!

Wie Slavoj Žižek festgestellt hat, ist heute alles “ohne”: Bier ohne Alkohol, Kaffee ohne Koffein, Schlagsahne ohne Fett, virtueller Sex ohne Körperkontakt, Sprache ohne Kraftausdrücke und so weiter. Als wolle man diesen Dingen den Zahn ziehen, ihnen die Gefährlichkeit nehmen. Waren wir früher gezwungen, Maß zu halten, besorgt das heute die Gesellschaft für uns, indem sie die Genüsse bereits vorab kastriert. Wie unmündige Kinder lassen wir uns vorschreiben, was gut für uns ist, und was nicht.

Dabei sind es doch gerade die “gefährlichen” Elemente des Genusses, die seinen Reiz ausmachen. Wir alle wissen schließlich, dass Alkoholkonsum unser Leben verkürzt, aber wollen wir unsere Geburtstage deshalb mit Multivitaminsaft feiern? Sexualität birgt Gefahren wie Krankheiten oder ungewollte Schwangerschaften (und noch einige mehr), dennoch sind virtueller Sex und Toys allein wohl kaum ein Ersatz. Schnelles Autofahren gibt am Simulator nicht denselben Kick, weil Leben und Gesundheit nicht wirklich in Gefahr sind.

Die Schönheit des Gefährlichen: Steve McQueen fuhr schnell und unangeschnallt

Letztlich sind Tugendwächter als auch die tanzenden Primitiven zwei Symptome desselben Problems: die Menschen kennen kein vernünftiges Verhältnis mehr zum Genuss, aus Lust ist neurotische Unlust geworden. In den letzten zwei Jahrzehnten hat unsere Gesellschaft verlernt zu genießen.

“Wir haben ein kindisches, tyrannisches Über-Ich, das uns dazu bringt, uns nichts zu gönnen und uns ständig vor allem zu fürchten”, sagt Pfaller, und hat damit absolut Recht. “Alle wirklich großartigen Momente im Leben entstehen durch die Verwandlung von etwas, das wir so nicht immer haben wollen. Der Alkohol berauscht, die Partykleidung ist teuer, der Müßiggang macht schlechtes Gewissen oder Langeweile. Die Kultur verhilft uns durch ihre Gebote des Feierns dazu, dass wir das Ungute bejahen und daraus etwas Grandioses machen können.”

Erst aus der Zwiespältigkeit entsteht der wahre Genuss. Natürlich wollen wir nicht jeden Tag Orgien feiern. Das wäre schrecklich. Der Psychoanalytiker Francois Lacan hat darauf hingewiesen, dass Genuss untrennbar mit Schmerz verbunden ist. Jeder Sonntag nach einer guten Party beweist diese Theorie.

Hinter der übertriebenen Angst vor dem Genuss steckt die Angst vor dem Schmerz – und letztlich die Angst vor dem Tod. Doch müssen wir uns hier die berühmte Frage Wolf Biermanns vor Augen halten: “Gibt es ein Leben vor dem Tod?”. Für die Moralapostel und ihre tanzenden Wilden gleichermaßen nicht, möchte ich behaupten.

Denn beide verstehen nicht, zwischen Vernunft und Genuss abzuwägen, zwischen Sicherheit und Risiko, deshalb gleicht ihre Existenz einem Scheintod, einem zombiehaften, untoten Dahinvegetieren.

Im Gegensatz dazu habe ich beschlossen, im Sinne Brechts, nunmehr schlechtes Leben mehr zu fürchten als den Tod.

Alarm! Alarm! Schweinealarm…

Es ist bemerkenswert, dass der Rezensent der aktuellen Ausgabe des Trust (Februar/März 2012) aus dem ganzen AntiEverything Forever ausgerechnet das Interview zum Thema Pornoindustrie hervorhebt.  Mein Gesprächspartner Ain Stain, schreibt er, habe dort dem Leser “durchaus gelungen [vorgehalten], was sexuell gesehen der Durchschnitts(!!)-Deutsche doch für ein Schwein ist.”

Natürlich kann man das AntiEverything Forever von vorn bis hinten durchsuchen, ihm quasi in jedes Loch schauen, ein derartiges Pauschalurteil wird einfach nirgends gefällt. Auch erhebt sich kein Zeigefinger, der “Schweine” und “Menschen” unterscheiden würde.

Stattdessen wabert zwischen den Zeilen jene unausgesprochene Grundannahme, dass alle Menschen pervers sind, wenngleich in unterschiedlichen Graden.

Eine richtige, saubere, moralisch einwandfreie Sexualität gibt es im AntiEverything-Universum prinzipiell nicht. Im Interview stocherten Ain Stain und ich dennoch im Trüben herum, versuchten herauszufinden, ob es eine letzte Grenze gibt zwischen ‘consenting adults’ und Medien – und wenn ja wo. Die Suche gestaltete sich schwierig. Das mag etwas verstörend erscheinen, vielleicht… aber so sind wir Perversen eben.

Anyway, unserem – zweifelsohne recht jungen – Kollegen vom Trust sei die Naivität seiner Lesart verziehen.

Zum Glück wurde ich durch das Statement aber daran erinnert, dass ich ja schon länger über einen interessanten Gedanken von Slavoj Žižek schreiben wollte, diesen slowenischen Gelehrten, den ich sehr schätze.

Als versierter Experte was sowohl Psychoanalyse und Philosophie, als auch Hollywood-Filme und Hardcore-Porno angeht, stellt der Mann an sich ja schon ein Monstrum dar…

Slavoj Žižek, philosophierend im Bett

Irgendwo in seinem Wälzer Living in the End Times (und auch an anderen Stellen) beschäftigt er sich mit einer sehr interessanten Frage: Wo sind die lächerlichen Porno-Dialoge geblieben?

Jeder kennt doch beispielsweise die heiße Hausfrau, die einen Klempner bestellt, weil sie ein feuchtes Loch irgendwo hat. Natürlich bietet der – augenblicklich steht er vor der Tür  – schmierig lächelnd an, sein Rohr zu verlegen. Ob er damit denn umgehen könne, fragt sie. Es habe noch keine Klagen gegeben, prahlt er. Und ab dafür.

Diese stereotypen Figuren und eindimensionalen Szenen, aufgeführt wie in einer Commedia dell Arte, haben ihre ganz eigenwillige Komik. In ihr sieht Žižek erstaunlicherweise eine Geste des Respekts. Eine dünne Linie, die allen Beteiligten erlaubt, ihre Würde zu bewahren.

(“Obwohl wir ‘alles’ zeigen, machen wir doch klar, dass das Ganze nur ein Scherz ist, und wir nicht wirklich intim mit einander werden.” beziehungsweise “Ich schaue es mir zwar an, aber eigentlich finde ich es albern.”)

Natürlich hat die Veränderung des ‘Adult Entertainment’ hin zu immer kürzeren, viel härteren Internet-Spots dazu geführt, dass diese Szenen verschwinden. Sie haben kaum noch einen Platz. Im großen Maßstab hat sich der Gonzo-Style durchgesetzt. (Abgesehen von einigen wenigen Labels am Rande, die – kommerziell eher unbedeutend – versuchen, Porno mit ernsthaften Spielszenen zu verknüpfen.)

Im Gonzo-Porn geht es zwar sofort und unverblümt zur Sache. Kein Pizzaboy nimmt sich die Zeit, ein Loch in Pizza und Karton zu schneiden, um der verblüfften Kundin seine “Extra Salami” zu präsentieren.

Dennoch bleibt ein Element der Verfremdung: die Darsteller reden fast ununterbrochen, machen mehr oder meist eher weniger gelungene Witze, winken sogar in die Kamera und kommentieren ihre Handlungen.

Auch hier werden ständig dieselben Plattitüden wiederholt, als wolle man sicherstellen, dass das Theatralische, das Komödienhafte der Situation beim Zuschauer ankommt. Der wird daran erinnert, dass er sich lediglich eine Performance anschaut, in der alle Beteiligten nur so tun “als ob”.

Obwohl wir durch die Kameraführung und ständige Nahaufnahmen extrem nah dran sind, ja fast mittendrin, bleibt durch diese Verfremdung doch eine unüberbrückbare Distanz zum Geschehen erhalten. Wie von einer Schutzschicht werden wir durch die obszön verzerrte Lächerlichkeit vor allzu großer Nähe und Intimität geschützt.

Vermutlich wäre Porno ohne solche Verfremdung kaum auszuhalten. Denn die Über-Nähe ist im Grunde kein Vergnügen, sondern verstörend und beängstigend.

P.S. Ich dachte immer, #2 wäre das Beste, was es in der Richtung gibt. Aber #1 schlägt dem Fass wirklich den Boden aus. Alarm! Alarm!

Märtyrer der Plutokratie

Der Bundespräsident habe seine Ehre verspielt, behauptet der Publizist Jakob Augstein in seiner SPON-Kolumne, und fordert folgerichtig dessen Rücktritt. Mit der beliebtesten Geste des Linksliberalismus, dem erhobenen Zeigefinger,  weist er auf den vermeintlich infamen Nestbeschmutzer.

Doch Christian Wulff hat sein Amt nicht falsch verstanden oder ausgenutzt, im Gegenteil: er ist der bestmögliche Präsident für diese Bundesrepublik!

Im "Krieg" nicht nur mit der Bild-Zeitung: der Bundespräsident (Aufnahme aus Afghanistan, kein Fake)

“Was mutet dieser Mann uns zu?”,  jammert Augstein. “Was ist das für eine Lage, in die er uns alle gebracht hat? Wir müssen zusehen, wie das deutsche Staatsoberhaupt vor das “Untersuchungsgericht” geladen wird.” Als wäre das so schlimm.

“Dieser Mann” hat uns in keine Lage gebracht, er hat uns unsere Lage gezeigt: die Politik ist filzig, durch und durch.

Doch wie schon bei Guttenberg richten sich die Verbalattacken auf eine einzelne Person, die zum Sündenbock gestempelt wird. Und wieder sind es die Verfehlungen eines Einzelnen, die uns mit Scham erfüllen sollen, auf die wir mit gespieltem Entsetzen und moralischer Entrüstung reagieren sollen. Damit wir nicht am Ende noch das System anzweifeln, das ihn hervorgebracht hat.

Vetternwirtschaft, Klüngel, Drohgebärden – ein Präsident tue so etwas doch nicht. Warum sollte er es denn lassen, beziehungsweise wieso sollte er jetzt plötzlich damit aufhören? Genau diese Methoden waren es, mit denen ihn sein damaliger politischer Vormund Glaesecker, offiziell mit dem besonders ehrenhaften Titel eines “Beraters” ausgestattet, überhaupt erst in Amt und Würden brachte.


Im selben Tonfall wie seine Gegner heute, attackierte Christian Wulff vor einigen Jahren die Verantwortlichen des VW-Bestechungsskandals. Damals war Peter Hartz die Sau, die durchs Dorf getrieben wurde, und Wulff Ministerpräsident von Niedersachsen (Das ist das Land um den VW-Konzern herum). Sein Saubermann-Auftreten ebnete dem zuvor weitgehend isolierten Politik-Loser den Weg für die weitere Karriere.

Heute muss auch dem letzten Gutgläubigen offenbar werden, dass es nicht das “System Volkswagen” war, das beseitigt werden sollte, sondern politische und geschäftliche Rivalen. Nur so konnte er ihre Position ganz vorn am Futtertrog einnehmen.

Wer darin Scheinheiligkeit erkennen will, muss sich zunächst einmal darüber klar werden, dass er anscheinend erwartet hat, dass Machtmenschen Heilige wären.

Wulff darf nicht zurücktreten. Im Gegenteil! Er muss seine Gegner verklagen, und sich verbissen an die Macht klammern. Dazu sollte ihm kein Mittel zu schäbig sein – und er sollte es in aller Öffentlichkeit tun. Ich fordere eine Berlusconisierung der deutschen Politik!

Denn das Problem sind nicht die Verfehlungen Einzelner, das Problem ist der Zustand der Politik, der ihnen ihr Handeln überhaupt ermöglicht.

Auf Wulff wird nun eingeprügelt, bezeichnenderweise tun sich dabei besonders seine ehemaligen Kompanions hervor, wie Bild-Chefredakteur Kai Diekmann. (Das ist der Typ, der 2002 die taz verklagte, um einen satirischen Artikel über sich zu unterbinden. Das Berliner Landgericht lehnte im berühmten “Penis-Prozess” Schadensersatz ab, da Diekmann als Chefredakteur der Bild „bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer sucht“.)


Es gehört seit jeher zum Repertoire der Bild-Zeitung, die eigenen Interessen mit Erpressung durchzusetzen und Kooperation und Interviews von Prominenten durch Drohanrufe zu erzwingen. Die ARD-Sendung Panorama berichtete schon 2006 von diesem eigenartigen Gebaren. Bizarr erscheint lediglich, dass sich ausgerechnet Diekmann plötzlich als empörtes Opfer darstellt.

Jetzt soll Wulff weg, denn mit seinem ungeschickten Telefonverhalten hält er der Republik den Spiegel vor. Auch wenn das sicher nicht seine Absicht war. Doch wenn er jetzt geht, dann opfert er sich für ein System, das so viele andere wie ihn am Leben erhält.

Als einzig würdiger Ersatz käme Silvio Berlusconi in Frage. Juristen sollten prüfen, ob es eine Möglichkeit für seine Einbürgerung gibt, wie das bei Profisportlern üblich ist.

Renegade

“Manchmal widert es mich ein wenig an”, sagt die Leserin über das neue AntiEverything, und schüttelt leicht den hübschen Kopf. “Egozentrik, die die Grenze zur Egomanie nicht nur gelegentlich übertritt. Dazu diese ganzen Angriffe auf Bionade-Trinker, Vegetarier, Antisexist_innen und andere Leute, die es doch eigentlich nur gut meinen.  Und die Fixiertheit auf die düsteren Aspekte der Sexualität. Es wirkt streckenweise, als hättest du alle libertären Ideale über Bord geworfen.”

“Vielleicht wirkt das nicht nur so”, erwidere ich grimmig.  Ich bewege den Beutel meines Earl Grey durchs heiße Wasser, und erinnere mich, dass ich nicht immer so abgebrüht war. In dem Sarkasmus älterer Ausgaben schwamm immer noch so etwas wie eine unterschwellige Hoffnung mit.

Aus AntiEverything Forever hingegen spricht ein kalter, gnadenloser Materialismus. Wenn du ein Licht am Ende des Tunnels siehst, dann rollt vermutlich ein Zug auf dich zu.

Kategorien wie “gut” und “böse” werden als Hirngespinste abgetan, als einfältige Trugbilder bestenfalls, oder gar hinterhältige Täuschungsmanöver.

Ideale oder der Glaube an eine bessere Welt, an Gerechtigkeit und Gleichheit, erscheinen lediglich als Deckmäntelchen düsterer Absichten, die wieder zu neuer Unterdrückung führen.

Betont werden die egoistischen Züge und Auswüchse des Strebens nach individueller Freiheit und Autonomie. Protest und Boykott sehen durch diese Brille natürlich erst einmal wie ein bizarrer Catwalk der Eitelkeiten aus.

Mit so einer Einstellung ist man als Neonihilist wirklich nicht besonders koalitionsfähig im linkssentimentalen Spektrum.

Ich könnte zu den Nazis gehen, mit meinem Talent für Propaganda. Dann könnte ich endlich einen Nutzen daraus ziehen, Goebbels und seine Methoden so genau studiert zu haben.

Bei den Rechten ist auch mehr Geld zu machen. Wenn man nur überlegt, was diese Trottel für die ganzen Blood-and-Honour-Produkte bezahlt haben.

Zwischen denen wäre ich im Handumdrehen der einäugige König. Ein gemachter Mann.

Aber welchen Sinn hätte das, mit solchen Vollidioten Sauerkraut zu fressen? Außerdem gibt es bei denen keine schönen Frauen. Ich bin verdammt.

Mit solch seltsamen Gedanken im Kopf wende ich mich wieder meiner Gesprächspartnerin zu. Sie lächelt. Und ich nehme ihre Hand, während ich das Thema wechsle. So schlimm ist die Welt ja nun auch nicht.

Die zwei Parameter

„Ich möchte reich und berühmt werden und mich umbringen wie Jimi Hendrix.“ (Kurt Cobain)

“Manchmal willste nach dem Konzert auch einfach noch ein paar Bier trinken, und dann pennen gehen”, sagt Kong Fuss und nimmt einen Schluck Pilsner.

Er beklagt sich, seitdem die Road Kill Zombies so erfolgreich sind, würde er immer öfter an so profanen Freuden gehindert, von wildfremden Mädchen, die ihm in der Garderobe auflauerten.

Und dann muss er wieder ran, Potenz und Wildheit beweisen, obwohl doch schon längst Feierabend ist.

Der Rockstar ist der letzte Heilige unserer Zeit. Die Ikone der Selbstverwirklichung. Eine Institution, die nur Anbetung zulässt.

Ein Rockstar führt sich auf, wie wir es uns niemals erlauben würden. Einfach so. Und er kommt davon damit, immer und immer wieder. Das macht seine Faszination aus.

Was ist schon ein Staatschef gegen einen Rockstar? In finanzieller, sexueller und jeder anderen Hinsicht eine Null.

Dafür muss er aber auch ran, verlangen wir. Blackjack und Nutten. Wir erwarten vom Rockstar, dass er sich gnadenlos durch die Gegend vögelt und prügelt. Das finden wir geil, so brauchen wir es selbst nicht tun.

Denn in Wirklichkeit haben wir gar keinen Bock darauf, und sind froh, wenn er uns den Scheiß abnimmt. Wir gehen nach ein paar Bier gemütlich in die Heia, während der Rockstar noch vögeln muss. Arme Sau.

Durch seine Aufopferung hält er unsere Welt beisammen. Wir können im sicheren Terrain unseres Alltags vor uns hin vegetieren, weil er da draußen ist und für unsere Kicks sorgt.

Wir wollen nur ein wenig teilhaben. Keiner fragt nach unserer Potenz, solange sein Mörderschwengel über allem schwebt.

“Du bist doch auch eine Art Rockstar – ein literarischer”, unterbricht Kong Fuss meinen Gedankengang. “Vor allem bei der ganzen Kohle, die du mit dem AntiEverything machst.”

“Das sind die zwei Parameter”, sinniere ich abwesend.

“Was?”

“Wir leben heute im Grunde in einer überschaubaren Welt: Tiger Woods ist reicher als ich. Bill Gates ist zwar noch reicher, aber bei Tiger kriegen die Mädels eher feuchte Schenkel. Sex und Geld. Zwei Parameter, mehr nicht.”

(Nicht nur) eine Gelegenheit das AntiEverything zu erstehen:
Road Kill Zombies Mini-Tour

Do 27.10. Leipzig – Kulturcafé Manfred
Fr 28.10. München – Café Marat
Sa 29.10. ? – Bregenz, Österreich

Der Captain

“Lieber verrecke ich durch den Wahnsinn eurer Welt, als ein Leben lang im Selbstbetrug zu ruhen.” (Käpt’n Blauschimmel)

Die Därme sind geputzt, sie liegen schlaff in einem Plastikeimer. Der bullige Metzger schwingt seinen kalten Stahl, um die letzte Keule in mundgerechte Stücke zu zerlegen. Bisher ist wenig los auf diesem Schlachtefest. Ich nehme eine Schluck Budweiser, überlege was ich mit dem Rest der Nacht anstellen kann. Da sehe ich ihn.

David Lynch hätte es nicht besser inszenieren können. Hintergrundgeräusche verstummen, als der Typ geradewegs auf mich zusteuert. Das muss er sein, der Mann, den Commander Stunk in seinem AntiEverything-Review zurecht mit Rio Reiser vergleicht: Käpt’n Blauschimmel.

Als der Captain beginnt zu sprechen, fühle ich mich schnell auf die Rolle eines passiven Zuhörers reduziert. Nur wenige Minuten später reiche ich ihm die aktuelle Ausgabe des AntiEverything. Ich habe keine Wahl. Dankbar und etwas unterwürfig nehme ich seine CD entgegen. Und er verschwindet wieder in die Nacht.

Was mir bleibt, ist eine viel zu kurzer Ohrenschmauß mit drei Tracks, die ich willenlos rauf und runter höre. Käpt’n Blauschimmel ist ein rotziger Virtuose, ein revolutionärer Prophet am Piano. Ein visionärer Verkünder auf einer Mission, wie es sie nur selten gibt. Und jemand, von dem wir noch einiges hören werden.

Network Of Fiends

“Was K. Wrath diesmal aber zusammengetragen hat, ist – das kann ich nach etwa 50 verschlungenen Seiten mittlerweile wohligen Gewissens behaupten – das Nonplusultra in Sachen Untergrundtrash! Unter demütigenden Umständen überließ man mir schließlich einen kleinen Schwung an Exemplaren, die ich stolz zum Kaufe feilbiete.” (Torsten vom Moloko Plus)

Bereits zwei der zehn Kisten AntiEverything Forever habe ich in kleine und etwas größere Portionen geteilt, und quer durchs Land geschickt. Die ersten Reaktionen sind durchweg positiv, teilweise gar euphorisch.

Und so wächst die Liste der Läden und Mailorder, die AntiEverything Forever anbieten. Hier wird die Revolution im Sinne des small-scale-capitalism vermarktet. Und wer nicht morgen schon out sein will, sieht zu mit an Bord zu sein.

Mit banger Vorfreude sehe ich nun der Gala-Lesung im TVOD entgegen, auf der ich Glory White Trash III erstmalig live dem interessierten Fachpublikum präsentieren werde.

Sonntag, 30. Oktober 2011, 20 Uhr
TVOD (Television Overdosed)
Manteuffelstraße 90, Berlin-Kreuzberg

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